Der zopftragende Mann

Wenn ein Mann seine Haare zu einem Zopf bindet, ist das ein ernstes Signal an die Außenwelt. Der Mann möchte, wenn auch unbewußt, den Menschen etwas sagen. Durch seine Frisur hat sich der zopftragende Mann in eine optische Notrufsäule verwandelt und drückt ständig bei sich selbst auf den Knopf:
„Helft einem, der sich selbst nicht mehr helfen kann! Bitte“, fleht es wortlos aus ihm heraus, „ich bin scheiße, und jeder kann es sehen!“


Die Menschen betrachten den Mann mit dem Zopf. Sofort ist seine Botschaft bei ihnen angekommen – doch sie verhallt folgenlos. Viele sehen peinlich berührt zu Boden. Rasch huschen Sie davon, andere wenden sich angeekelt ab. Nicht einer ist da, der dem zopftragenden Mann hilft in seinem Elend; die Menschen überlassen ihn sich selbst in seinem Schicksal. Diese Erfahrung macht den Zopfträger hart und bitter. Aus Rache an der Gesellschaft, die ihn verschmäht, rasiert er sich die Schläfen, läßt am Hinterkopf einen harten Rasierpinsel stehen und wird reich, berühmt und noch vakuumöser als er schon war. Manchmal heißt er Karl Lagerfeld und widmet sein Leben der Aufgabe der Welt zu beweisen, daß Bräsigkeit und Affektiertheit keineswegs unvereinbare Gegensätze sind. Gelegentlich bindet sich der zopftragende Mann auch das Haar im Nacken zu einem dicken Bötzel zusammen, nennt es Pferdeschwanz, macht im Frühstücksfernsehen den Launigen, glitscht sich durch „Verstehen Sie Spaß“, dem Gnadenhof der TV-Semi-Prominenz, hört auf den Namen „Cherno Jobatey“ und ist die Verneinung dessen, was man „Esprit“ nennt und „Stil“. Als Mann einen Zopf tragen und trotzdem ein Wort wie „Menschenwürde“ routiniert auf der Zunge führen: genau so sieht er aus, der Zopfträger, und ahnt nicht einmal, daß man beides, einen Zopf und eine Würde, nicht gut haben kann; da muß man sich schon entscheiden. Und genau das hat der zopftragende Mann ja auch getan.

Ebenfalls lästig sind jene Gesellen, die ihre drei Haare lang wachsen lassen und sie zu einem dürren Zöpfchen zusammen friemeln. Das sieht so aus wie es klingt: Glatze mit Rückholbändchen. Trotzdem muss man gerade diese Kombination erstaunlich oft mit ansehen. Wenn sich zum Beispiel Herr Zopfglatzglatzzopf im Bus, in der Eisenbahn oder im Flugzeug in den Sitz direkt vor einem wuchtet und dabei seine Hinterkopfkordel mit einer schwungvollen Geste hinter sich schleudert, damit er sich das kostbare zierwurmartige Gerät nicht einklemmt, woraufhin es dann in all seiner Kümmerlichkeit und Trübnis direkt vor der Nase des Hintermannes herum pendelt.
An meinem Schweizermesser befindet sich eine solide Schere, noch nie aber habe ich, wenn so ein Trauerschwänzchen vor meiner Nase baumelte, von ihr Gebrauch gemacht. Wieso nicht? Möchte ich am Ende doch heilig gesprochen werden? Oder habe ich versehentlich die Titelrolle angenommen in dem Softcore-Schocker „Tolerator III – jetzt erduldet er alles“?

Vor mir pendelt noch immer in seiner zöpfchenartigen Konsistenz das Zöpfchen des Vordermanns. Schnitt ich es ab und kochte es aus, ich wäre ein gemachter Mann. Mit dem Fett könnte ich der Margarineprinz von Magrebinien werden, mindestens! Doch nimmt man nichts an / Vom zopftragenden Mann.

(Wiglaf Droste)


3 Antworten auf “Der zopftragende Mann”


  1. 1 bigmouth 27. Januar 2007 um 23:02 Uhr

    ich war’s nicht!

  2. 2 nichtidentisches 29. Januar 2007 um 14:09 Uhr

    Die Kastrationsgelüste sind bedenklich! Penisneid?

  1. 1 kuriose fakten? | bigmouth_strikes_again Pingback am 08. Februar 2007 um 17:50 Uhr
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